Direkt zum Inhalt

Digitale Erinnerung – menschliche Nähe: Wie KI die Pflege verändert

In der Pflege bleibt für persönliche Gespräche oft wenig Raum – dabei sind Lebensgeschichten ein Schlüssel für gute Betreuung. Ein neues Unterstützungssystem aus dem deutsch-dänischem Projekt Care-AI erleichtert Fachkräften die Biografiearbeit und macht Erinnerungen gezielt nutzbar.

fünf Menschen sitzen am Tisch, einer steht, sie unterhalten sich, haben weiße Kittel an

Die Pflege steht unter Druck: Der Fachkräftemangel spitzt sich zu, die Zahl pflegebedürftiger Menschen wächst – und besonders in stationären Einrichtungen fehlt zunehmend die Zeit für das, was Pflege eigentlich ausmacht: persönliche Zuwendung. Gerade in der letzten Lebensphase ist es entscheidend, individuelle Bedürfnisse zu verstehen und Menschen einfühlsam zu begleiten. Doch genau diese Biografiearbeit, die so viel Lebensqualität schaffen kann, kommt im hektischen Pflegealltag Alltag oft zu kurz.

Das deutsch-dänische Forschungsprojekt Care-AI arbeitet daran, diese Lücke zu schließen. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) entwickeln Forschende ein System, das Pflegekräfte nicht in medizinischen Entscheidungen unterstützt, sondern in der biografischen Arbeit: Es soll helfen, biografisch relevante Informationen besser nutzbar zu machen, Veränderungen im Verhalten oder Wohlbefinden früher zu erkennen und damit die personenzentrierte Pflege und Begleitung von Bewohner*innen zu verbessern.

Care-AI verbindet pflegewissenschaftliches Wissen, ethnografische Forschung und KI-Technologien zu einem Ansatz, der die soziale und emotionale Dimension der Altenpflege in den Mittelpunkt stellt. Mithilfe der Anwendung, die derzeit entsteht, können biografische Informationen durch Pflegekräfte strukturiert erfasst, gespeichert sowie abgerufen werden – etwa Gründe für veränderte Verhaltensweisen oder Routinen und Bedürfnisse, die sich aus der Lebensgeschichte eines Menschen ableiten. Wenn ein Bewohner plötzlich stiller wirkt, Aktivitäten meidet oder ungewohnt reagiert, ist oft unklar, ob das Zufall, gesundheitlicher Hinweis oder ein biografisch bedingter Auslöser ist. Hier setzt Care-AI an: Das System macht solche Entwicklungen sichtbar, indem es Zusammenhänge erkennt, die im Alltag leicht übersehen werden.

Ziel ist es, den Menschen hinter den Symptomen sichtbarer zu machen 

Eileen Heydenreich

„Ziel ist nicht, Pflegekräfte zu ersetzen oder ihnen Entscheidungen abzunehmen. Ziel ist es, den Menschen hinter den Symptomen sichtbarer zu machen und Pflegekräften Hinweise zu geben, die sie dabei unterstützen, Biografiearbeit gezielter, persönlicher und ressourcenschonender in den Alltag zu integrieren“, erklärt Projektmitarbeiterin Eileen Heydenreich von der Hochschule Flensburg. In einem Arbeitsumfeld, das häufig von Effizienz geprägt sei, schaffe das System neue Momente der Aufmerksamkeit: Welche Themen beschäftigen Bewohner*innen gerade? Welcher biografische Hintergrund erklärt bestimmte Verhaltensweisen? Was könnte heute helfen, die Lebensqualität ein Stück zu verbessern?

Was Eileen Heydenreich antreibt, wird deutlich, wenn man ihr zuhört. Sie spricht nicht über Technik um der Technik willen, sondern über Menschen, über Entlastung und über Zeit. Ihre Verbindung zu dem Thema reicht zurück bis zur Schulzeit, als sie ein Praktikum in der Altenpflege absolvierte und sich intensiv mit dem Thema Demenz beschäftigte. Später schrieb sie ihre Bachelorarbeit bei Prof. Dr. Beatrice Podtschaske, absolvierte ein Praxissemester in Hamburg und entschied sich im Master erneut für den Weg der gesundheitsbezogenen Digitalisierung. Für Care-AI erforschte sie in ihrer Masterarbeit die Methode der kontextuellen Beobachtung direkt in Pflegeeinrichtungen – ein Vorgehen, das heute zentral für das Projekt ist. „Die größte Chance liegt darin, Entwicklungen früh wahrzunehmen, die im Alltag oft untergehen“, sagt sie. „Damit können Pflegekräfte schneller reagieren, Angehörige besser einbeziehen und unnötige Belastungen für Bewohner*innen vermeiden.“

„Damit können Pflegekräfte schneller reagieren, Angehörige besser einbeziehen und unnötige Belastungen für Bewohner*innen vermeiden

Eileen Heydenreich

Nach der Hälfte der Projektlaufzeit verfügt Care-AI dank der Zusammenarbeit mit der soventec GmbH über eine erste KI-Lösung namens „Claire“, das biografisch relevante Hinweise erkennt. Parallel dazu entsteht die Grundstruktur einer mobilen Anwendung, die Pflegekräften künftig niedrigschwellig Hinweise und Zusammenfassungen liefert – und das ohne zusätzlichen Dokumentationsaufwand. Die deutsch-dänische Kooperation erweist sich dabei als großer Gewinn: Während Deutschland pflegewissenschaftliche Expertise und die Datengrundlage einbringt, steuert Dänemark Erfahrung mit digitalisierten Gesundheitsstrukturen und technische KI-Kompetenz bei.

In der kommenden Projektphase geht es darum, die Anwendung im Pflegealltag zu testen und gemeinsam mit den Einrichtungen weiterzuentwickeln. „Die KI-Lösung wird verfeinert, nutzerfreundlicher gestaltet und erste Piloteinsätze vorbereitet, die App nutzerfreundlicher gestaltet und erste Piloteinsätze vorbereitet“, so Heydenreich. Dabei steht fest: Pflegekräfte werden nicht nur als Anwender*innen verstanden, sondern als Expert*innen ihres Alltags.

Zwei Frauen stehen vor Roll-ups, auf einem steht Care-AI
Eileen Heydenreich (li), die im Projekt Care-AI mitarbeitet, und Christina Bober von der soventec GmbH stellen das Projekt gemeinsam auf einer Messe vor.