Mit FlensGen hat die Hochschule Flensburg erprobt, wie generative KI Studium, Lehre und Verwaltung verändert. Der Modellversuch zeigt: Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob KI genutzt wird, sondern wie Hochschulen Orientierung, Verantwortung und KI-Kompetenz organisieren.
Wenn Studierende heute eine schwierige Aufgabenstellung nicht verstehen, fragen sie nicht mehr nur Kommiliton*innen oder Lehrende. Sie lassen sich von Künstlicher Intelligenz (KI) Begriffe erklären, bitten um eine erste Gliederung für einen Text oder prüfen, ob eine Formulierung verständlich klingt. Manchmal geht es um einen Programmierfehler. Manchmal um einen Entwurf. Manchmal nur um den ersten Satz, der nicht kommen will.
Generative KI ist damit längst Teil des Hochschulalltags: geduldig, jederzeit verfügbar, sprachlich überzeugend — aber nicht automatisch richtig. Mit FlensGen hat die Hochschule Flensburg seit Mai 2024 einen geschützten Zugang zu generativer KI erprobt. Sichtbar wurde dabei vor allem, wie selbstverständlich solche Werkzeuge inzwischen in Lern-, Schreib- und Arbeitsprozesse hineinwirken. Für die Lehre entsteht daraus eine neue Frage: Wie lernen Studierende, KI nicht nur zu nutzen, sondern ihre Ergebnisse zu prüfen, einzuordnen und verantwortlich weiterzuverwenden?
Was KI im Lernen verändert
Die Rückmeldungen aus der Evaluation deuten darauf hin, dass generative KI besonders häufig für lern- und textbezogene Aufgaben genutzt wird. Studierende lassen sich Begriffe erklären, Konzepte erläutern, Texte überarbeiten oder Feedback geben. Wissenschaftlich Mitarbeitende greifen stärker auf KI zurück, wenn es um Recherche, Datenanalyse oder Programmierung geht. Lehrende sowie Mitarbeitende aus Technik und Verwaltung nutzen sie eher für sprachliche Überarbeitung, Qualitätssicherung und schriftliche Kommunikation.
Das klingt zunächst unspektakulär. Ist es aber nicht. Denn genau dort, wo gelernt, geschrieben, geprüft und gearbeitet wird, verändert KI die Abläufe. Eine Hausarbeit kann anders entstehen, wenn ein System Gliederungen vorschlägt. Auch eine Prüfungsvorbereitung kann sich verändern, wenn Fachbegriffe jederzeit neu erklärt werden können. Und ein Text wirkt schneller fertig, auch wenn der Gedanke dahinter noch unsicher ist.
Für Dr. Hendrik van der Sluis, Experte für e-Didaktik am Lern- und Sprachenzentrum der Hochschule Flensburg, liegt genau hier die didaktische Herausforderung: „Generative KI verbessert oder verschlechtert Lernen nicht automatisch. Entscheidend ist, ob Studierende lernen, KI-Ausgaben zu prüfen, einzuordnen und für den eigenen Denkprozess produktiv zu nutzen.“
Denken muss sichtbar bleiben
Damit rückt eine unbequemere Frage in den Mittelpunkt: Was müssen Studierende eigentlich noch selbst können, wenn KI Antworten formuliert, Texte verbessert und Argumente sortiert? Die kurze Antwort lautet: mehr, nicht weniger. Wer KI sinnvoll nutzen will, muss einschätzen können, ob eine Antwort fachlich trägt, ob Quellen fehlen und ob ein Text nur gut klingt oder tatsächlich begründet ist. Ob ein Text nur gut klingt oder wirklich stimmt. KI kann helfen, einen Gedanken zu entwickeln. Sie kann aber auch verdecken, dass der Gedanke noch gar nicht verstanden wurde.
Gerade darin liegt die pädagogische Aufgabe. KI darf nicht zur Abkürzung am Denken vorbei werden. Sie sollte Lernprozesse sichtbarer machen: Welche Frage stelle ich? Was überzeugt mich an der Antwort? Was prüfe ich nach? Wo übernehme ich Verantwortung? Van der Sluis bringt es so auf den Punkt: „KI-Kompetenz bedeutet nicht, möglichst perfekte Prompts zu schreiben. KI-Kompetenz bedeutet, gute Fragen zu stellen, Antworten kritisch zu prüfen und Verantwortung für das Ergebnis zu übernehmen.“
Aufgaben müssen sich verändern
Für die Lehre bedeutet das: Es reicht nicht mehr, KI pauschal zu erlauben oder zu verbieten. Entscheidend ist, welche Denkschritte sichtbar bleiben sollen. Wenn Studierende KI nutzen, sollten sie erklären können, wofür sie das Werkzeug eingesetzt haben, welche Vorschläge sie übernommen oder verworfen haben und wie sie Ergebnisse geprüft haben.
Damit verändern sich auch Aufgabenformate. Gute Aufgaben werden künftig stärker danach fragen müssen, wie Studierende zu einem Ergebnis gekommen sind. Nicht nur das fertige Produkt zählt, sondern auch der Weg dorthin: Fragestellung, Recherche, Prüfung, Überarbeitung und Begründung. Genau hier liegt ein wichtiger Unterschied zwischen bloßer Nutzung und echter KI-Kompetenz. Wer eine KI-Antwort übernimmt, hat noch nicht automatisch gelernt. Lernen entsteht dort, wo Studierende vergleichen, zweifeln, nachprüfen, begründen und eigene Entscheidungen treffen.
Orientierung statt Verbotston
Mit der Nutzung wachsen auch die Risiken. Personenbezogene Daten, vertrauliche Informationen, urheberrechtlich geschütztes Material oder ungeprüfte KI-Ausgaben lassen sich nicht einfach wegmoderieren. Ein Warnhinweis vor dem Login ersetzt keine Kompetenz.
Für Studium und Lehre wird deshalb Orientierung wichtiger. Was darf in ein KI-Tool eingegeben werden? Wie geht man mit KI-Hilfe bei Hausarbeiten um? Wann muss die Nutzung kenntlich gemacht werden? Wie prüft man Ergebnisse? Und wann ist KI schlicht das falsche Werkzeug? Für van der Sluis ist dabei klar: „Ein reiner Verbotston hilft bei KI kaum weiter. Wir müssen Menschen befähigen, verantwortungsvoll mit diesen Werkzeugen umzugehen — mit klaren Regeln, aber auch mit praktischen Beispielen.“
Zugang ist nur der Anfang
Ein geschützter Zugang wie FlensGen kann helfen, KI nicht allein privaten Bezahlabos zu überlassen. Für die Lehre ist das wichtig, weil Studierende möglichst vergleichbare Voraussetzungen brauchen. Aber Zugang allein reicht nicht. Entscheidend ist, ob Studierende und Lehrende einen reflektierten Umgang mit KI entwickeln.
Dazu gehören Qualifizierungsangebote, Orientierungshilfen und der Austausch darüber, was KI in konkreten Lehr- und Prüfungssituationen bedeutet. Die zentrale Frage lautet nicht nur: Welches Tool nutzen wir? Sondern: Welche Kompetenzen wollen wir fördern?
FlensGen zeigt damit im Kleinen, was Hochschulen in der Lehre grundsätzlich beschäftigt: Generative KI ist kein Zusatzthema mehr. Sie verändert, wie gelernt, geschrieben und geprüft wird. Didaktisch sinnvoll wird dieser Wandel erst, wenn Menschen lernen, KI nicht nur zu bedienen, sondern ihre Ergebnisse zu verstehen, zu prüfen und zu verantworten.
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Was ist FlensGen?
FlensGen ist ein institutioneller Zugang zu generativer KI an der Hochschule Flensburg. Die Plattform ist seit Mai 2024 live und wurde zunächst als Modellversuch gestartet. Ziel war es, Beschäftigten und Studierenden Vollzugriff auf generative KI zu ermöglichen, um Einsatzszenarien in Studium, Lehre, Forschung und Verwaltung zu erproben und auszuwerten.
Technisch basiert FlensGen auf der Open-Source-Plattform HAWKI und nutzt den bestehenden Hochschullogin. Initiiert wurde das Projekt von Dr. Annina Neumann und Dr. Peter John; unterstützt wurde es unter anderem durch den IT-Service sowie Dr. Hendrik van der Sluis vom Lern- und Sprachenzentrum.
Nach Auslaufen der Förderung wurde FlensGen verlängert. Perspektivisch prüft die Hochschule Anschlussmöglichkeiten, darunter Angebote der Academic Cloud.