KI verändert, wie Studierende lernen, schreiben und prüfen. Dr. Hendrik van der Sluis ordnet ein, warum Zugang allein nicht reicht — und welche Kompetenzen jetzt wichtig werden.
Generative KI ist längst Teil des Hochschulalltags. Dr. Hendrik van der Sluis erklärt, warum es in der Lehre nicht nur um Zugang zu KI-Tools geht, sondern vor allem um Urteilskompetenz, Orientierung und verantwortungsvolles Lernen.
Generative KI verändert nicht nur, welche digitalen Werkzeuge Studierende und Lehrende nutzen. Sie verändert auch, wie gelernt, geschrieben, geprüft und begleitet wird. Mit FlensGen hat die Hochschule Flensburg seit Mai 2024 praktische Erfahrungen damit gesammelt, wie KI im Hochschulalltag eingesetzt wird. Doch aus e-didaktischer Sicht geht es nicht allein um Technik oder Zugang. Entscheidend ist, welche Kompetenzen Studierende brauchen, wie Lehrende Lernprozesse gestalten und wie Hochschulen Orientierung geben können.
Dr. Hendrik van der Sluis, Experte für e-Didaktik am Lern- und Sprachenzentrum der Hochschule Flensburg, ordnet ein, was generative KI für Lernen, Lehre und Verantwortung bedeutet.
Was verändert generative KI aus hochschuldidaktischer Sicht am Lernen?
Generative KI verändert vor allem die Zugänglichkeit von Unterstützung. Studierende können sich Begriffe erklären lassen, Beispiele anfordern, Texte überarbeiten oder Rückmeldungen auf Entwürfe bekommen. Das kann selbstgesteuertes Lernen erleichtern, weil ein niedrigschwelliges Gegenüber verfügbar ist.
Didaktisch entscheidend ist aber, wie dieses Gegenüber genutzt wird. Wenn KI nur fertige Antworten liefert, kann sie Lernprozesse verkürzen oder vorschnell abschließen. Wenn sie aber genutzt wird, um Fragen zu schärfen, Denkwege zu prüfen oder Alternativen zu vergleichen, kann sie Lernen vertiefen. Die zentrale Frage lautet deshalb nicht: Dürfen Studierende KI nutzen? Es geht also weniger um KI als Abkürzung oder Verbot, sondern um die Gestaltung von Lernprozessen, in denen Prüfung, Begründung und eigenes Urteil erhalten bleiben.
Welche Kompetenzen brauchen Studierende im Umgang mit KI?
Studierende brauchen vor allem Urteilskompetenz. Sie müssen Ergebnisse mit KI erzeugen, aber auch prüfen, vergleichen, einordnen und verantworten können. Dazu gehört ein Grundverständnis dafür, dass sprachlich überzeugende Antworten nicht automatisch fachlich richtig sind.
Hinzu kommen praktische Fähigkeiten: gute Fragen stellen, Prompts formulieren, Quellen prüfen, eigene und fremde Beiträge unterscheiden und transparent machen, wann KI genutzt wurde. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und nicht jede plausible Antwort sofort als ausreichend zu behandeln. KI-Kompetenz ist deshalb nicht nur technische Bedienkompetenz. Sie ist Teil wissenschaftlicher und beruflicher Handlungsfähigkeit.
Wer KI nutzt, gibt Verantwortung nicht ab. Im Gegenteil: Je überzeugender KI formuliert, desto wichtiger wird die Fähigkeit, Ergebnisse kritisch zu prüfen und für die eigenen Aussagen einstehen zu können.
Was müssen Hochschulen jetzt leisten?
Hochschulen müssen sichere Zugänge schaffen, aber sie dürfen dabei nicht stehen bleiben. Zugang allein löst keine didaktischen, rechtlichen oder ethischen Fragen. Es braucht Orientierungshilfen, Qualifizierungsangebote, klare Zuständigkeiten und fachbezogene Diskussionen darüber, was KI in konkreten Lern- und Prüfungssituationen bedeutet.
Dabei sollte die Hochschule weder in Euphorie noch in Abwehr verfallen. Sinnvoll ist ein pragmatischer Weg: ausprobieren, evaluieren, Regeln weiterentwickeln und Menschen befähigen, KI reflektiert zu nutzen. KI wird nicht dadurch verantwortungsvoll, dass sie verfügbar ist. Verantwortung entsteht durch Orientierung, Übung und gemeinsame Standards. Dazu gehört auch, Prüfungen und Aufgaben so zu gestalten, dass nicht nur fertige Produkte zählen, sondern auch die Wege, Begründungen und Entscheidungen, die zu ihnen geführt haben.