Mit ihrem Dokumentarfilm „FUSION“ setzen sich die Filmstudierenden Nele Lottermoser und Eva Bierschenk mit der geplanten Krankenhausfusion in Flensburg und ihren gesellschaftlichen Folgen auseinander. Der Film zeigt, wie ein studentisches Projekt eine Debatte auslösen kann.
Die Reaktionen bei der Premiere zeigen: Nele Lottermoser und Eva Bierschenk treffen mit ihrem Dokumentarfilm „FUSION“ einen Nerv. In ihrem 12-minütigen Film, entstanden im dritten Semester des Studiengangs Film & Media Arts, widmet sich die beiden Studierenden der Hochschule Flensburg der geplanten Zusammenführung der beiden Flensburger Krankenhäuser – und den konkreten Folgen dieser Fusion, insbesondere der Einstellung des stationären Schwangerschaftsabbruchs in der Stadt. Dafür gewinnen sie den Publikumspreis der Flensburger Kurzfilmtage 2025.
Für Eva Bierschenk war das Thema von Beginn an mehr als ein klassisches Seminarprojekt. „Abtreibung ist medizinische Grundversorgung“, sagt sie. Gerade weil Schwangerschaftsabbrüche immer wieder politisch verhandelt und eingeschränkt würden, sei es wichtig gewesen, das Thema filmisch aufzugreifen. Die ursprüngliche Idee kam von ihrer Kommilitonin Nele, die das Thema im Seminar pitchte. „Ich hatte im selben Semester selbst den Wunsch, einen Film über Abtreibung zu machen. Als Nele die Krankenhausfusion eingebracht hat, hat sich das sofort verbunden“, so Eva.
Dokumentarisch – und bewusst experimentell
„FUSION“ ist als Dokumentarfilm angelegt, arbeitet aber gezielt mit experimentellen Elementen. Neben klassischen Interviews setzen die Filmemacherinnen auf symbolische Bilder: eine Papaya vor schwarzem Hintergrund, ein Wecker, eine reduzierte Bildsprache. „Wir wollten die dokumentarischen Anteile mit den Experimentalaufnahmen aufbrechen“, erklärt Eva. „Diese künstlerischen Bilder und der Schnitt verbinden die Aussagen miteinander und schaffen zusätzliche Bedeutungsebenen.“ Es geht den Filmemacherinnen nicht darum, etwas zu illustrieren, sondern Assoziationen zu öffnen.
Inhaltlich rückt der Film das Thema Schwangerschaftsabbruch in den Vordergrund und nähert sich ihm über ein konkretes lokales Beispiel: „Die Fusion ist eigentlich der Aufhänger. An ihr wird sichtbar, was in der Praxis passiert, wenn Abtreibungen eingeschränkt werden“, sagt Eva. Genau darin liege die Stärke des Films: Er zeige reale Konsequenzen.
Viele Perspektiven, fehlende Stimmen
Für den Film interviewten die Studentinnen eine Aktivistinnen der feministischen Aktion in Flensburg, eine betroffene Person, eine Vertreterin der Pro Familia sowie einen katholischen Priester. Auch die beiden Flensburger Krankenhäuser wurden für den Film angefragt, eine Beteiligung kam letztlich aber nicht zustande. „Wir wollten diese Perspektive unbedingt einbinden“, betont Eva. Dennoch mache den Film eine Vielstimmigkeit aus, die auch polarisiert. „Ich würde den Film definitiv als aktivistisch bezeichnen, durch die Haltung, die er einnimmt, und die Stimmen, die er sichtbar macht“, sagt sie rückblickend.
Zwei Abende, zwei Stimmungen
Bei den Flensburger Kurzfilmtagen lief „FUSION“ gleich zweimal: bei der Premiere im ausverkauften 51-Stufen-Kino und am Folgetag in einem Wiederholungsscreening. Für Eva waren es zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen. Die Premiere sei deutlich „aufgeladen“ gewesen, erinnert sie sich. Im Publikum saßen auch Vertreter aus dem kirchlichen Umfeld, es kam zu kritischen Nachfragen und spürbaren Spannungen. „Man hat gemerkt: Der Film rührt etwas auf“, sagt sie.
Das zweite Screening war anders angelegt: Erst nach der Vorführung wurde bekannt gegeben, dass die Filmemacherinnen anwesend sind. Das Publikum reagierte offen und emotional. „Viele Leute waren richtig wütend – auf das, was im Film erzählt wurde, auf die Aussagen, auf den Konsens, der sichtbar wurde“, beschreibt Eva die Stimmung. Gerade diese Reaktionen hätten gezeigt, welche Wirkung ein studentischer Film entfalten könne.
Lernen, mit Öffentlichkeit umzugehen
Solche Erfahrungen seien Teil eines wichtigen Lernprozesses im Studium, sagt Bierschenk. Zwar würden Filme regelmäßig im Seminar und bei hochschulinternen Werkschauen gezeigt, doch das Publikum dort kenne den Entstehungsprozess. „Das ist etwas anderes, als wenn völlig fremde Menschen den Film sehen und direkt reagieren“, so Eva. Lachen an unerwarteten Stellen, kritische Fragen, emotionale Diskussionen – all das gehöre dazu. „Man lernt, mit Öffentlichkeit umzugehen und die eigene Arbeit zu vertreten.“
Der Film soll nun weiter gezeigt werden: Einreichungen bei weiteren Festivals laufen, unter anderem in Hamburg und Rostock. Zudem ist geplant, „FUSION“ zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der feministischen Aktion in Flensburg zur Verfügung zu stellen, etwa im Rahmen von Veranstaltungen rund um den Internationalen Frauentag.
Neue Themen im Blick
Und auch neue Themen sind bereits im Blick. Persönlich interessiert sich Eva derzeit besonders für die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf Kunst und Arbeitswelt. „Mich beschäftigt, wie KI die Branche verändert – und was das für Menschen bedeutet, die in der Kunst arbeiten“, sagt sie. Politisch bleiben will sie also auch künftig.