Bevor an der Hochschule Flensburg Windenergie erforscht, Computerspiele entwickelt oder Künstliche Intelligenz programmiert wurde, ging es um Kompass, Seekarte, Dampfkessel und Schiffsmotoren. Die Wurzeln der Hochschule liegen auf See – und genau diese Geschichte steht in den Jahren 2026 und 2027 im Mittelpunkt.
Mit dem Jubiläum „140 Jahre Seemaschinistenausbildung“ erinnert die Hochschule 2026 an die Gründung der Königlich Preußischen Seedampf-Maschinistenschule. Bereits ein Jahr später folgt ein noch älteres Jubiläum: Dann jährt sich die Eröffnung der Königlich Preußischen Navigationsschule zum 150. Mal. Sie nahm am 1. Oktober 1877 ihren Lehrbetrieb auf und gilt als die eigentliche Keimzelle der heutigen Hochschule Flensburg.
Gemeinsam erzählen beide Jubiläen die faszinierende Geschichte einer Bildungseinrichtung, die aus der maritimen Tradition Norddeutschlands hervorgegangen ist und bis heute eng mit der Seefahrt verbunden bleibt. Von der Ausbildung der ersten Kapitäne und Seemaschinisten bis zur modernen Hochschule mit 3.000 Studierenden spannt sich ein Bogen über anderthalb Jahrhunderte norddeutscher Bildungs-, Technik- und Seefahrtsgeschichte.
Zwei Jubiläen, eine Geschichte
Die Geschichte beginnt lange vor der Gründung der Hochschule Flensburg. Bereits 1796 erhielt der Föhrer Nautiker Hinrich Brarens die Erlaubnis des dänischen Königs Christian VII., eine Navigationsschule zu gründen. Später wurde die Schule nach Tönning verlegt. Von dort gingen über Jahrzehnte hinweg zahlreiche Seeleute, Steuermänner und Kapitäne hervor. Die Tönninger Navigationsschule gilt als wichtiger Vorläufer der späteren nautischen Ausbildung in Flensburg.
Am 1. Oktober 1877 nahm die Königlich Preußische Navigationsschule in Flensburg ihren Lehrbetrieb auf. Mit ihr begann die staatliche nautische Ausbildung in der Fördestadt. Die Schule bildete Steuermänner und Kapitäne für die deutsche Handelsflotte aus und entwickelte sich rasch zu einer angesehenen Ausbildungsstätte. Sie gilt heute als ältester unmittelbarer Vorläufer der Hochschule Flensburg und damit als deren eigentliche Keimzelle.
Die Industrialisierung veränderte die Schifffahrt grundlegend. Dampfschiffe verdrängten zunehmend die Segelschiffe. Um den steigenden Bedarf an technisch qualifizierten Fachkräften zu decken, gründete Preußen am 1. Oktober 1886 die Königlich Preußische Seedampf-Maschinistenschule in Flensburg. Unter ihrem ersten Direktor Franz Ballauf entwickelte sie sich zu einer der modernsten Ausbildungsstätten ihrer Art. Hier wurden die technischen Offiziere der Handelsflotte ausgebildet – die späteren Schiffsingenieure und Seemaschinisten.
Während die Navigationsschule die nautischen Offiziere ausbildete, bereitete die Seedampf-Maschinistenschule die technischen Führungskräfte auf ihre Aufgaben an Bord vor. Gemeinsam machten beide Einrichtungen Flensburg zu einem der bedeutendsten Zentren maritimer Ausbildung in Deutschland. Zahlreiche Absolventen fuhren später auf Schiffen rund um den Globus und prägten die Entwicklung der deutschen Seeschifffahrt.
Ein wichtiger Meilenstein wurde 1933 erreicht. Die nautische und die technische Ausbildung wurden organisatorisch zusammengeführt. Die neue Einrichtung erhielt den Namen „Technische Staatslehranstalt für Schiffsingenieure und Seemaschinisten sowie Seefahrtsschule Flensburg“. Damit waren erstmals beide Ausbildungswege unter einem Dach vereint. Dieser Schritt gilt als wichtiger Vorläufer der späteren Ingenieurschule und Hochschule.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Ausbildung in Flensburg neu aufgebaut. Aus der traditionsreichen Lehranstalt entstand zunächst die Staatliche Schiffsingenieur- und Seemaschinistenschule, später die Staatliche Ingenieurschule Flensburg. Mit dem Fachhochschulgesetz von 1969 wurde schließlich der Weg in das moderne Hochschulsystem geebnet. Aus den maritimen Ausbildungsstätten entwickelte sich die Fachhochschule Flensburg, die heutige Hochschule Flensburg.
Heute studieren junge Menschen aus aller Welt auf dem Flensburger Campus. Die Hochschule bietet Studiengänge in Technik, Wirtschaft, Informatik, Energie, Gesundheit und Medien an. Gleichzeitig sind die maritimen Wurzeln bis heute sichtbar – in der Nautik, der Schiffsbetriebstechnik, im Maritimen Zentrum und in zahlreichen Forschungsprojekten. Die Jubiläen der Jahre 2026 und 2027 schlagen deshalb eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Die Jubiläumsjahre würdigen Generationen von Kapitänen, Nautikern, Schiffsingenieuren, Seemaschinisten, Wissenschaftlern und Studierenden. Sie alle haben dazu beigetragen, dass aus zwei spezialisierten Seefahrtsschulen eine moderne Hochschule mit internationaler Ausstrahlung geworden ist. Die Hochschule Flensburg hat heute viele Gesichter – ihre Wurzeln aber liegen auf See.