Wie ein Schlüsselsatz vom Bauernhof einen Ingenieur zu einem der prägenden Stimmen der Energiewende machte – und warum für Claus Hartmann Technik ohne Menschen nichts bewirkt.
Es beginnt mit einem Satz seines Vaters: „Vom Bauernhof allein werden nicht mehr viele Menschen leben können!“ Der Hinweis, so nüchtern wie entscheidend, markiert er doch den Beginn des Weges von Claus Hartmann. Er führt den Schüler vom landwirtschaftlichen Betrieb in Schleswig-Holstein ins Studium, in die Industrie und schließlich in die Energiewirtschaft und an die Hochschule Flensburg. Heute ist er hier Professor für Nachhaltige Energieversorgung - und einer der sichtbarsten Stimmen, wenn es darum geht, Transformation nicht nur technisch, sondern menschlich zu gestalten.
„Der Satz meines Vaters war für mich ein Schlüsselmoment“, sagt Claus heute. „Da habe ich gemerkt, dass ich meinen eigenen Weg finden muss.“ Studieren wollte er ohnehin. Aber was? „Ich habe aus der Not heraus überlegt: Was kann man studieren und damit Geld verdienen?“ Er entschied sich für ein duales Wirtschaftsingenieur-Studium an der Berufsakademie in Stuttgart und mit 23 Jahren war er verantwortlicher Qualitätsingenieur für den Rohbau der C-, E- und S-Klasse im Daimler-Werk Sindelfingen.
Pragmatismus als Startpunkt
Der Weg durch die Produktionshallen, wo die großen Verbrenner vom Band rollen, ist für Claus eine weitere prägend Erfahrung. Er erzählt, wie er auf die hochpreisigen, prestigeträchtigen Fahrzeuge schaut und überlegt, ob die Faszination für Technik und das eigene Gewissen zusammenpassen. „Kann ich das eigentlich mit meinem Gewissen vereinbaren?“ Es war jener Moment, in dem er zum ersten Mal spürte, dass Technik allein nicht reicht — sie muss dem dienen, was vor uns liegt. „Es bringt nichts, wenn Erkenntnisse in der Schublade liegen. Die müssen raus zu den Menschen.“
Der Weg führte ihn schließlich nach Rottenburg, in einen Masterstudiengang, der damals eher zufällig auf seinem Radar auftauchte: Sustainable Energy Competence. Eine frühe Mischung aus Energie, Nachhaltigkeit und Praxis. Hier begann das Nachdenken über Systeme, Verantwortung und die Frage, was eine sinnvolle Energiezukunft ausmacht. Mit dem Master in der Tasche folgte die Rückkehr in den Norden, an die Uni Flensburg, wo er promovierte. 2008 landete er bei den Stadtwerken Flensburg, wo er 2013 jüngster Abteilungsleiter wurde und den ersten Elektrokessel Deutschlands baute. Ein Innovationsprojekt, das bundesweit Aufmerksamkeit bekam. Die Inbetriebnahme verlief mit politischer Prominenz, die Technik funktionierte, die Wirtschaftlichkeit stimmte. Doch danach blieb die Anlage still. Nicht wegen technischer Probleme, sondern wegen Unsicherheit. „Viele hatten schlicht Angst vor dieser Anlage“, erinnert sich Claus. Er führte Gespräche – einzeln, geduldig, manchmal stundenlang. Schichtführer, Schaltmeister, alle, die dafür Verantwortung tragen. Es war der Moment, in dem ihm klar wurde: Die Energiewende scheitert oder gelingt dort, wo Menschen beteiligt sind. Seitdem lautet sein Leitmotiv: „Die Energiewende ist eine Menschenwende.“
Energiewende als Kulturaufgabe
Denn für Claus ist die Energiewende kein rein technisches Projekt. Sie ist ein Kulturwandel. Eine Lernaufgabe. Ein Prozess, der Menschen braucht, die Verantwortung übernehmen, mutig entscheiden, Perspektiven wechseln. „An vielen Stellen dürfen wir uns als Menschen verändern – dann funktioniert vieles wie von selbst.“ Am Ende funktionieren Stromnetze, Wärmepumpen oder Wasserstoffstrategien nur, wenn Menschen sie verstehen, mittragen und gestalten wollen. Für ihn ist das vor allem ein sozialer Prozess. „Wir können jede Technologie der Welt entwickeln – wenn die Gesellschaft nicht mitgenommen wird, bringt sie nichts.“
Wissenschaft, die rausgeht
Diese Haltung prägt seine Lehre an der Hochschule Flensburg seit 2023. Studierende sollen nicht nur Ingenieurinnen und Ingenieure werden, sondern Gestalter*innen. Daher widmet sich Claus den Kompetenzen, die die Lücke zwischen Technik und Umsetzung schließen: Projekt- und Kommunikationsmethoden, Workshopmoderation, Prozessgestaltung. „Mir ist wichtig, dass Studierende Mut haben, Verantwortung übernehmen – und dass sie verstehen, wie Medien, gesellschaftliche Haltungen und politische Rahmenbedingungen zusammenwirken.“
Wer Claus‘ Aktivitäten beobachtet, merkt schnell, dass sein Einsatz nicht an der Hörsaaltür endet. Er ist viel unterwegs – auf Veranstaltungen, in Panels, als Berater, in Gesprächen mit Kommunen, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürgern. „Es ist wichtig, dass Wissenschaft sichtbar ist“, sagt er. „Wenn wir nicht erklären, was wir tun, übernehmen das andere. Und das nicht immer auf vertrauenswürdige Weise.“ Sein Engagement reicht inzwischen bis in die Klassenzimmer. Über Formate wie Rent a Scientist spricht er mit Schülerinnen und Schülern, beantwortet Fragen, räumt Missverständnisse auf. „Wenn Jugendliche sagen: Ach so, das habe ich noch nie so verstanden. Das ist für mich eines der schönsten Komplimente.“
Die Bank im Jahr 2055
Fragt man ihn, was ihn motiviert, erzählt Claus von einer Vision. Wie er 2055, im Jahr seiner Goldenen Hochzeit, mit seiner Frau Sabrina auf einer Bank sitzt. Wie seine drei Kinder und zukünftige Enkel im Gras spielen – und wie sie ihn dann fragen, warum er nicht mehr gemacht habe, die natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten. „Ich hätte alle Fähigkeiten gehabt – davor habe ich Angst.“ So ist Claus Hartmann am Ende Professor, Forscher, Vermittler geworden, jemand, der die Energiewende nicht nur erklärt, sondern sie erlebbar machen will. Oder, wie er es formuliert: „Am Ende geht es darum, Menschen in die Lage zu versetzen, Teil der Lösung zu sein.“
Antrittsvorlesung
Am 29. April findet die Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Claus Hartmann zum Thema „Die Energiewende ist eine Menschenwende – Perspektiven auf eine nachhaltige Energieversorgung“ um 16:00 Uhr in H104 statt. Eine Anmeldung wird erbeten unter dem folgenden Link: https://hs-flensburg.de/form/vorlesung-hartmann